Kunst? Was soll das?

Auch „Kunst“ ist Veränderungsprozessen ausgesetzt. Jede Zeit hat seine Kunst. Die renommierte Skulptur im Park, die der auratischen Aunschauung dient, ist einem Wandel ausgesetzt. Die Kunst selbst hat ja zu emanzipatorischen Prozessen aufgerufen. Früher galt: Gehe ich ins Museum ist klar definiert, daß das was an der Wand in einem Bilderrahmen hängt, die Kunst ist. Je nach Wissensstand war auch klar, nach dem ich gelesen habe, wer das gemalt hat, das er dies so und so gemeint hat oder das dies eben damals so war. Also hat hier ein rein kognitiver Zugang ausgereicht. Die Sache wurde bei der Gegenwartskunst schwieriger: Das fängt schon bei der Identifizierung eines Kunstwerkes an. Ist das der Feuermelder oder das Kunstwerk? Kreatives Denken ist nun gefragt. Wo ist die Kunst? Wie erschließe ich mir die Kunst? Was mache ich nun damit? Und das hamma‘ nu davon! Wir stellen die Frage, frei nach Christian Demand: Was soll das?

„Was soll das ist eine ganz, ganz tolle Frage. Die war jahrzentelang verpönt, weil man das Gefühl hatte es war die Urfrage des Spießbürgers. Denn was die Kunst macht ist immer richtig und was der Spießer fragt ist immer falsch. Und ich würde sagen, die Kunst kann selbstbewußt genug sein, nach einer Kunstgeschichte von hunderten von Jahren, sich diese Frage gefallen zu lassen. Sie sollte stolz darauf sein, daß sie überhaupt gestellt wird, denn wenn die Leute alles was kommt einfach hinnehmen, ist das auch ein Zeichen für mangelnde Wirksamkeit und Desinteresse. Insofern kann man sich dieser Frage stellen, die Kunst kann das, die Künstler können das und die Kuratoren können das. Kritiker sollten diese Frage aufnehmen, denn das ist die Frage des Publikums, vieler Leute im Publikum, die vielleicht als Leser, als Hörer mit der Kunst nur ab und zu mal Umgang haben und genau diese Frage stellen: Was soll das? Und darauf gibt es Antworten. Es ist ein sehr guter Ausgangspunkt an dem sich – wie ich glaube, das Interesse der Konsumenten und der Kritiker trifft.“ (Christian Demand im Filmfeature „Sprache als Tarnung“ von Burkhard Rosskothen und Alexandra Koch)

In jeder Zeit läßt sich ein Interesse für Kunst beschreiben. Unsere Gegenwart nach 10 Jahren im neuen Jahrtausend ist geprägt von Interesse an Erfahrung und Erfahrungsaustausch. Das Internet wurde in diesem Zeitalter zum Web 2.0. Ein Internet mit Senf. Jeder kann seinen dazu geben. Eben seinen persönlichen, d. h. genau das eines konkreten Individuums. Authentizität ist gefragt: Ich teile meine Gedanken. Damit teile ich auch meine kreativen Gedanken und Rückschlüsse. Die Begegnung mit Kunst wird zu meiner persönlichen Kunsterfahrung, die ich anderen mitteile. All diejenigen, die in diesem Austauschprozeß involviert sind, deklinieren diese Schilderung durch ihr eigenes Lebensraster einmal vor und zurück. Und damit ist schon gesagt, daß das eigene Lebenskonzept, der Dreh und Angelpunkt ist.

Die Kunst wird zu einem Fall im Zusammenspiel der gesamten Deklination degradiert. Und damit bleibt Kunst nicht unbedingt Kunst. Kunst bekommt ein Verfallsdatum. Bisher galt: Einmal ein Kunstwerk, immer ein Kunstwerk. Auch wenn dies durch die Aufbewahrung im Schutzraum Museum bewahrt werden mußte. Ein Kennzeichen von guter Kunst war immer schon, das sie sich lange bewährt, das sie lange gut ist. Was dies widerum genau heißt, kann niemand so richtig erklären. Jedenfalls war der Begriff Kunst wie ein Fels in der Brandung. Nicht umzustoßen. Auch heute noch stehen an vielen Plätzen altehrwürdige Skulpturen, die ihr Dasein fristen. Mehr oder weniger renoviert, auf jeden Fall aber oft unsichtbar für die Menschen. Man könnte auch sagen: Kunst ist wie ein Parfum. Irgendwann ist der Duft verflogen. Dann ist die Kunst unsichtbar und von niemanden mehr beachtet.

Die Kunst hat ihre Sonderstellung verloren. Fragen nach der eigenen Lebensbewältigung, nach gesellschaftlichen Konzepten sind aufgerückt und stehen nun an erster Stelle. Kunst wird zu einem Begriff, der austauschbar ist, der erarbeitet werden muß, der ständigen Veränderungen ausgesetzt ist, der geprüft wird und vor allem: Er hat ein Verfallsdatum bekommen.

Ein Beispiel: Ein alter Stromkasten wurde in einem Wohngebiet in eine Ausleihbibliothek umgebaut. Ohne Anleitung, ohne Bezahlsystem, ohne Ausleihkarte. Was als Kunst und Kulturprojekt begann ist mittlerweile zu einer festen Institution geworden. Anwohner nutzen diese Buchaustauschstätte sehr engagiert, was man schon daran sieht, daß dieser Kasten weder zerstört noch beschmiert wurde. Würde man heute die Nutzer danach fragen, ob dies hier Kunst sei, so würden sie diese verneinen oder auch bejahen. Aber: es spielt eigentlich hier garkeine Rolle mehr. Der Begriff Kunst oder Kunstwerk hat sich hier überflüssig gemacht. Die Kunst war da, hat das nötige erkannt und ist dann auch irgendwie wieder verschwunden. Geblieben ist ein Buchkasten, der seinen Dienst tut. Schaut man sich auf gleicher Laufachse die dort stehenden Skulpturen an, so fällt auf, das niemand sie beachtet. Sie sind unsichtbar. Bei beiden Fällen ist die Kunst nicht mehr da. Sie ist verflogen.

Wo ist nun die Kunst? Wo ist Kunst? Wir sehen: diese Fragen sind falsch. Wir dürfen nicht über Kunst reden, wir müssen über Freude, Angst, trau Dich oder Schweiß sprechen.

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2 Kommentare

  1. Betrifft Demand-Video
    Normal bin ich ja so‘ ne Art Demand-Fan wider Willen (und gewöhnlich selbst erstaunt, wie oft ich ihn zitiere).
    Aber dieser Teaser is schon ’n bisschen arg knapp, oder?
    „Die Kunst“, „das Publikum“ etc. …
    Wat is DAT denn? (Will sagen: Bisschen Trennschärfe tät nich weh tun bei die Begriffsbildung).

    • Was ist denn an den Begriffen Kunst und Publikum unklar? Ich kenn da ein Profil da steht: „…I‘ m mainly concerned with contemporary art – whatever that might be…“ Sehr einfach ausgedrückt oder?

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